News

Neue Nationalgalerie I Berlin

Fernöstlicher Durchblick

Tagesspiegel 04.08.2019, 19.07.2019 I Artikel von Ning Wang
 

 
 
Berlin – Stahl und Glas, das sind die Hauptelemente der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die derzeit saniert wird und nächstes Jahr wieder öffentlich zugänglich sein soll. Unter der Leitung von David Chipperfield wird das denkmalgeschützte Museum der Moderne im Auftrag des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung mit großem Aufwand instand gesetzt. Vor fünf Jahren nannte Chipperfield den Bau ein „rusty car“, der Stahl war rostig geworden, die riesigen Glasfronten hatten Risse und mussten über die Jahre schon mehrmals ersetzt werden. Dass es dazu so bald nicht wieder kommt, dafür garantiert Martin Hurtienne, der Chef der Firma FLZ Stahlund Metallbau – ein Familienbetrieb auf Rügen.

Die Firma ist auf dem Gelände einer ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) entstanden. Hurtienne und seine 60 Mitarbeiter entwickeln, fertigen und montieren Konstruktionen aus Stahl, Glas, Aluminium, Edelstahl. FLZ hat sich einen Namen für exklusive Museumsbauten gemacht – was oft bedeutet, das Unmögliche möglich machen zu müssen. Bei der gerade eröffneten James- Simon- Galerie auf der Museumsinsel hat Hurtienne an den Glaskonstruktionen mitgewirkt. Auch dort hätte er schon gerne mit NorthGlass aus China zusammengearbeitet. Aber als die Aufträge vergeben wurden, kannte er die Firma im nordchinesischen Tianjin noch nicht.

NorthGlass hat die riesigen Glasscheiben der Neuen Nationalgalerie produziert – im Auftrag von Hurtienne. Statt das Glas in Deutschland oder Europa einzukaufen, hat er einen Umweg um die halbe Erdkugel gemacht, auf der Suche nach dem besten Produkt. Inzwischen sind die neuen, 3,60 Meter mal 8 Meter großen „chinesischen“Glasfronten der Neuen Nationalgalerie vollständig eingesetzt.

Entschieden hat sich Hurtienne für die Chinesen, obwohl sich deren Preise inzwischen auf europäischem Niveau bewegen. Denn es konnte, bis auf eine Ausnahme, kein anderer Anbieter so große Glasfronten liefern. Ein Glashersteller in Deutschland hatte ein Angebot gemacht, doch da fehlte die langjährige Praxis und Erfahrung mit solchen riesigen Glasfronten. Nur NorthGlass konnte die geforderte Qualität in der riesigen Größe bieten. Denn neben Sicherheit, Stärke und thermischer Belastbarkeit müssen die erforderlichen physikalischen Eigenschaften (Wärmedämmung, Lichteinstrahlung, Bruchsicherheit) den Anforderungen eines Museumsbetriebs entsprechen. In China findet man solche Qualität, und die Berliner bekommen sie, weil der Rügener Unternehmer Hurtienne, unterstützt von einem Hamburger Anwalt für Handelsrecht und einer Expertin für Glasherstellung aus München, lange recherchiert und hart verhandelt hat. Am Ende ging es um den Preis. „Wir haben dann nicht mehr direkt miteinander gesprochen, sondern über einen Vermittler“, erinnert sich Hurtienne. Dadurch konnte der Chef vor seinen eigenen Leuten das Gesicht wahren, obgleich beim Preis nachgegeben wurde.

Die Glasindustrie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten radikal geändert. Glas ist überall im Einsatz und muss die unterschiedlichsten Funktionen in diversen Anwendungen erfüllen. Von Handydisplay zu Weltraumtechnik, von Hochleistungsoptiken zu Wärmedämmung. Von dieser Innovationswelle hat ein Land wie China, in dem große Auftragsvolumina es erlauben, große Summen in Forschung und Entwicklung zu stecken, profitiert. Dennoch hat Chinas Glasindustrie gerade eine schwere Phase hinter sich. Von künstlicher Angebotsverknappung ist schon mal die Rede und es wird der Vorwurf erhoben, dass die Glaserzeuger zu viel Energie bei der Herstellung verbrauchen. Dennoch wurde die Modernisierung der Branche vorangetrieben, die Betriebe konsolidiert. Im Jahr 2017 erzeugten zehn Glashersteller noch 59 Prozent der Produktion, 2020 sollen es dann schon 70 Prozent sein. Dieser Konzentrationsprozess ist auch ein Grund für die stark angestiegenen Preise auf dem chinesischen Markt, der einst als billig aber auch qualitativ schwierig galt.

Im vergangenen Jahr entwickelten sich Flachglas, hartbeschichtetes Glas und Isolierglas in China zum Teil deutlich weniger dynamisch als im Vorjahr, doch NorthGlass schlägt sich gut: Der Jahresumsatz seiner Hauptprodukte ist seit 2002 stetig gewachsen, sodass sie heute zu den weltweit führenden Anbietern in der Glasindustrie zählen. Im vergangenen Jahr machte das Werk in Tianjin zwei Milliarden Renminbi (umgerechnet knapp 261 Millionen Euro) Umsatz. Die Qualität ist inzwischen Weltspitze, so dass das Glas für den Bau der Zentralen des Soft- und Hardwareproduzenten Oracle in Silicon Valley von NorthGlass kommt. „Wir wollen in den USA im nächsten Jahr ein Werk eröffnen“, so der Chef des Tianjiner NorthGlass-Werkes, der sich wie in den USA üblich mit seinem englischen Vornamen Paul von seinen Mitarbeitern und Geschäftspartnern ansprechen lässt. Damit würden sie den derzeitigen Handelskonflikt mit den USA umgehen.

„NorthGlass ist bereit, Chinas glasverarbeitende Industrie in die ganze Welt zu führen, ein Image von Created in China aufzubauen und zur Wiederbelebung der chinesischen Industrie beizutragen“, so wirbt die Firma auf ihrer Webseite. NorthGlass-Gründer Gao Xueming hat das Unternehmen 1995 gegründet und 2011 an die Börse in Shenzhen gebracht. Mittlerweile ist NorthGlass auf fünf Standorte in China verteilt und jeder hat sich spezialisiert. In das Werk in Tianjin, das auch die Glasfronten für die Neue Nationalgalerie produzierte, wurden umgerechnet 6,5 Millionen Euro investiert. Es hat eine Betriebsfläche von 100 000 Quadratmetern und ein professionelles Forschungs- und Entwicklungsteam.

Spezialisiert auf die Herstellung von übergroßem, gehärtetem, laminiertem, isoliertem, digital bedrucktem Glas, ist es zum führenden Anbieter von Architekturglas geworden. Kommt man auf das Gelände, betritt man zuerst die Kantine, die ebenso blitzblank ist wie die Werkhallen. Manche darf man nur mit Schutzanzug betreten. Die Wohnungen vieler Angestellten liegen direkt über den Büros, damit werden Arbeitswege gespart.

Dass die Qualität auch in der Produktion der Scheiben für die Neue Nationalgalerie eingehalten wird, hat Hurtienne immer wieder selbst persönlich überprüft. Fünfmal ist er dafür nach China gefahren, 18 Stunden dauert die Reise. Frühmorgens steigt er in den Zug aus Rügen nach Berlin, dann in das Flugzeug nach Peking. Je nach Verkehrslage braucht er noch bis zu zwei Stunden, bis er in der Fabrik von NorthGlass bei Tianjin angekommen ist. Jedes Mal hat er stundenlang in der riesigen Fertigungshalle gestanden, sich Glas nach dem Zufallsprinzip aus dem Lager holen lassen, Fragen gestellt, gemessen und ist seine Checkliste Punkt für Punkt durchgegangen. Fast keinen Millimeter Abweichung hat das aus China gelieferte Glas, und es entspricht selbstverständlich den europäischen Normen. Die Hersteller in Deutschland schaffen eine ähnliche Produktion nur mit einer Toleranzschwelle von unter sechs Millimetern, wollen aber darauf keine schriftliche Garantie geben. Und so kommt das neue Glas der Neuen Nationalgalerie aus China.

Beim Preis musste am Ende ein Vermittler engagiert werden.