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James-Simon-Galerie

Frankfurter Allgemeine, 14. Dezember 2018 – Kunst
 

 

Ein Balkon über der Spree

von Andreas Kilb

Hier oben kann man von Berlin träumen: Die James-Simon-Galerie ist David Chipperfields Abschiedsgeschenk an die Museumsinsel und sein Meisterstück.

 
Ein entscheidender Vorzug des neuen Eingangsgebäudes der Berliner Museumsinsel ist sein Sinn für Höhenunterschiede. Zum ersten Mal überhaupt lädt die James-Simon-Galerie den Besucher ein, zur Museumsinsel emporzusteigen. Von der Bodestraße kommend, die das Alte Museum von den vier übrigen Häusern der Insel abtrennt, wird man über eine breite Freitreppe zum Eingang im Hauptgeschoss des Gebäudes geführt, das zugleich die oberste von drei Etagen bildet.
 
Schon dieser Aufstieg ist eine Beglückung. Wo sonst am Ende der Stufen das Dunkel einer Vorhalle wartet, öffnet sich hier die Aussicht ins Weite. Linkerhand erstreckt sich eine Kolonnade, von der man über den Kupfergraben in die Friedrichstadt blickt. Dreht man sich um, erscheint hinter den Bäumen im Lustgarten die Barockfassade des Humboldtforums. Berlin hat nicht viele solcher Ausblicke. Dieser löst ein Versprechen ein, das alle Masterpläne und Schlossdebatten der letzten Jahrzehnte heimlich befeuert hat: dass die Hauptstadt wieder eine Mitte bekommt, die man anschauen kann. Für diese Mitte wird die Simon-Galerie nach ihrer Inbetriebnahme im nächsten Sommer als Verteilerschleuse dienen. Von hier aus führen die Wege ins Pergamon- und ins Neue Museum und dereinst, wenn die unterirdische Archäologische Promenade fertig sein wird, auch ins Bode- und ins Alte Museum. Nur dass dieses Dereinst in den Sternen steht. Der Architekt David Chipperfield und sein Partner Alexander Schwarz haben den Bau so gestaltet, dass jede der drei Ebenen als Durchgang fungiert, im Obergeschoss über ein Wandportal ins Pergamonmuseum, im Parterre über den Hof ins Neue Museum und im Tiefgeschoss in die geplante Promenade.
 
Doch der obere Zugang wird sich wieder schließen, wenn von 2025 an die Sanierung des Pergamon-Südflügels beginnt, und der untere wird sich erst öffnen, wenn auch das Alte Museum durchsaniert ist, also frühestens zehn Jahre danach. In Berlin ist man gewohnt, dass nicht jede Fassade hält, was sie verspricht, aber es schmerzt dennoch zu sehen, wie lange es dauern wird, bis die James-Simon-Galerie ihre Aufgabe endlich erfüllen kann.
 
Seit zwanzig Jahren hat David Chipperfield die Museumsinsel mitgestaltet. Der neue Eingangsbau ist sein Abschiedsgeschenk und sein Meisterstück. Er schließt nicht nur die durch den Abriss von Schinkels Packhof entstandene Bebauungslücke am Kupfergraben, sondern verschafft den zentrifugal angelegten Museumshäusern überhaupt erst einen gemeinsamen Auftritt. Durch den Anschluss der Pfeiler an Schinkels Säulenkolonnaden wird die östliche mit der westlichen Wasserfront verbunden und ihr klassizistisches Pathos in die Sprache der Moderne überführt.
 
Die Pfeilerhalle mit ihren schlanken Trägern aus Sichtbeton mit Marmorzuschlag wirkt als Chassis für die schmucklose Rückseite des Neuen Museums und zugleich als Gegengewicht gegen die wuchtigen Formen des Pergamonmuseums. Wie bei Chipperfields Vorbild, den Propyläen auf der Akropolis, sind beide Seiten der Freitreppe zu Kolonnaden ausgebaut, nur dass sich in Berlin die rechte zum Neuen Museum hin absenkt, so dass ein neuer Innenhof mit eigener Stimmung und Akustik entsteht. Im Inneren erzeugen Chipperfield und Schwarz Übersichtlichkeit, indem sie den Hauptzweck des Gebäudes als Ticketcounter und Leihstelle für Audioguides ins Obergeschoss und die Nebennutzung in Form eines Vortragssaals und eines Areals für Wechselausstellungen ins Souterrain verlegen. Dazwischen liegt die Funktionsebene mit Garderobe, Shop und Toiletten. Bronzebeschläge und Paneele aus Walnussholz dämpfen die puristische Härte des Sichtbetons. Dennoch bleibt der helle Beton überall dominant, selbst im Saal, dessen Deckenkaskade der Form der darüber liegenden Freitreppe folgt. Im Licht der Deckenstrahler glänzt der Bau jetzt wie eine Skulptur von Thorvaldsen. Bis die Archäologische Promenade eröffnet ist, wird sich zeigen, ob er auch gut altern kann.
 
Die Schlüsselübergabe am Donnerstag war die Schlussszene eines typischen Berliner Dramas. Eigentlich sollte die James-Simon-Galerie schon 2014 fertig sein. Doch dann sorgten der sandige Untergrund und die Insolvenz eines Bauträgers für Verzögerungen, erst vor fünf Jahren wurde der Grundstein gelegt, die Baukosten stiegen von gut siebzig auf 135 Millionen Euro. Der Volksmund, der das Gebäude als teuerste Garderobe der Welt verspottet, hat dennoch unrecht. Aus der Nähe betrachtet ist es eher der kostbarste Balkon der Stadt. Von hier oben aus werden wir an Sommerabenden auf die langsam dahintreibenden Wasser der Spree blicken und uns fragen, wann die Museumsinsel endlich zu Ende saniert sein wird.